Garry Kasparov

Wie wir in einer virtuellen Welt echtes Vertrauen und Wahrheit schützen können

Garry Kasparov, 6 März 2017

Online findet sich quasi für wie jeden Standpunkt ein Verfechter, nur wissen wir oft nicht, woher diese Infos kommen und welche Motivation dahinter steckt.

Nicht selten bringen die Leute ihren Kontakten in den sozialen Medien mehr Vertrauen entgegen als klassischen Werbeanzeigen und lassen sich schneller von einer Meinung überzeugen, wenn davon in einem sozialen Netzwerk die Rede ist – ob es nun um eine Restaurantbewertung oder eine politische Überzeugung geht. Eine amüsante oder tragische Anekdote, die in keiner Weise repräsentativ für eine gesellschaftliche Strömung ist, hat bessere Chancen, sich in den sozialen Medien „viral“ zu verbreiten, als eine sorgfältig recherchierte Reportage, die sich auf Studien und Fakten stützt. Hier wie anderswo gilt, dass es immer Werbemanipulatoren, Propagandisten und gewöhnliche Kriminelle gibt, die diese psychisch bedingten Neigungen ausnutzen. Der Kommentator, der Dich in einem politisch eingefärbten Tweet verunglimpft, kann sich als bezahlter Troll oder Roboter herausstellen. Die Spam-Meldung, die Du in Deinem Posteingang stets ignoriert hast, finden Sie jetzt womöglich in einem sozialen Nachrichten-Feed, dem Du vertraust. Die Phishing-Fallen und schädlichen Links, die Du in anonymen E-Mails niemals anklicken würdest, tauchen plötzlich als Empfehlung eines guten Freundes oder eines Prominenten auf, den Du verehrst. Angriffe wie diese lassen sich mithilfe von künstlicher Intelligenz sogar perfekt auf Dich abstimmen – auf dieselbe Art wie Kauf- oder Filmempfehlungen.

Als Berichterstatter, der häufig über Ereignisse in der digitalen Welt mit politischer und globaler Tragweite schreibt, wurde ich schon des Öfteren von Kommentatoren verbal angegriffen. Oft ist offensichtlich, dass diese Leute kein Interesse daran haben, sich mit meinen Argumenten auseinanderzusetzen. Gern lasse ich mich auf Diskussionen ein, wenn nötig auch auf hitzige Streitgespräche, und ich schätze das Internet als Plattform, auf der man gegensätzliche Meinungen verhandeln und auf Gemeinsamkeiten hin untersuchen kann. Leider tragen die Trolle, die nicht selten die Kommentarspalten beherrschen, wenig zur Förderung einer solchen Debattenkultur bei. Das Maß an Hass, das hier zur Schau getragen wird, bewegt viele dazu, den Foren ganz fern zu bleiben, und kann insbesondere bei jungen Menschen massive Schäden anrichten. Wenn die Trolle den Sieg davontragen, dann rückt dies eine sehr hässliche Seite unserer neuen digitalen Welt ins Licht.

Irgendwo im Internet findet sich für jede Meinung ein Verfechter – auch wenn sie noch so weit hergeholt oder faktisch zweifelhaft ist. Das Problem ist, dass wir oft nicht wissen, von wem diese Informationen stammen und welche Motivationen dahinter stecken. Wir singen ein Loblied auf die Tugenden des Informationszeitalters, auf die Fülle stets greifbarer Informationen; die Welt scheint transparenter denn je und kein Thema unerreichbar. Und dennoch wissen wir erschreckend wenig darüber, wer all diese Informationen online stellt und warum. Sind wir dank der Vielzahl von Informationen, gespickt mit sogenannten alternativen Fakten, nun besser informiert oder einfach nur gewaltig verunsichert?

Es ist schnell vergessen, sollte aber immer im Hinterkopf behalten werden, wenn wir durch all diese Informationen navigieren: Es gibt nur einen Weg, die Wahrheit zu sagen, aber unzählige Möglichkeiten, zu lügen. Im persönlichen Gespräch ist es schwieriger, mit einer Täuschung davonzukommen. Wir müssen unseren Gesprächspartnern in die Augen sehen, während wir sie in die Irre führen. Das fällt vielen schwer. Auch verfügen die traditionellen Medien über stärkere inhärente Schutzmechanismen, um Falschaussagen vorzubeugen, so etwa ihre Rechenschaftspflicht gegenüber seiner Leser. Wenn eine Zeitung zwei komplett widersprüchliche Berichte in derselben Ausgabe bringt, so werden zweifellos schon sehr bald Kritiker laut, die die Qualität der Berichterstattung infrage stellen. Außerdem unterhält jede seriöse Zeitung eine Berichtigungsrubrik, in der sie die Verantwortung für fehlerhafte Behauptungen übernimmt und diese richtigstellt. Zudem sind die Quellen meist unstrittig, sodass es relativ einfach ist, die Herausgeber zur Rechenschaft zu ziehen. In den neuen Medien fehlen natürliche Schutzvorrichtungen durch solche Beschränkungen. Es ist schlicht unmöglich, durch die 6.000 Tweets zu scrollen, die auf Twitter pro Sekunde veröffentlicht werden und deren Wahrheitsgehalt unter die Lupe zu nehmen. Wir bewegen uns in einem virtuellen Raum, in dem beliebig viele verzerrte Nacherzählungen eines Ereignisses gleichzeitig existieren können, ohne sich zu überschneiden oder einander infrage zu stellen. Wir wählen unseren eigenen Zugang zur Realität, indem wir bestimmten Nutzern folgen und unsere Medienkanäle selbst bestimmen. Wir leben in einer Welt, in der wir uns in einen Informationskokon zurückziehen können, in dem unsere bevorzugten Interpretationen der Wirklichkeit niemals angefochten werden.

Dieser Sachverhalt ist das Ergebnis der Verlagerung vieler gesellschaftlicher Debatten in das unerforschte Neuland des Internets ohne die Anwendung der Normen, die das öffentliche Leben bestimmen. Nur weil wir aus der sicheren Umgebung unseres Schlafzimmers einen Blog-Beitrag schreiben, schmälert dies nicht die soziale Bedeutung, die es mit sich bringt, wenn wir auf „Veröffentlichen“ klicken. Wenn es uns nicht gelingt, einen Raum zu schaffen, in dem persönliche Meinungen mit Achtung und Vernunft ausgedrückt werden, dann überlassen wir das Internet jenen, die die Kraft des Internets für ihre Zwecke missbrauchen. Während sich die Mehrheit der Internetnutzer an die Regeln des Anstands hält, sponsern Diktatoren Troll-Aktionen zur Verbreitung von Propaganda und unterdrückende Regime zensieren sämtliche Meinungsäußerungen, die ihnen zur Gefahr werden, die Kontrolle zu verlieren. Die wenigen Manipulatoren missbrauchen eben jene Offenheit, die das Internet besitzt, um die Gesellschaft zu transformieren.

Diese Diskrepanz zwischen der Mehrheit der Internetnutzer und jenem kleinen Anteil an Manipulatoren spiegelt sich auch in konkreteren Sicherheitsfragen wider. Eine einzige Malware-Datei kann sich weit verbreiten und den Alltag von Millionen von Menschen und Unternehmen in Mitleidenschaft ziehen – und das bei geringen Kosten für die Entwickler. Soziale Netzwerke erweisen sich als fruchtbarer Boden für Malware, da die Täter mithilfe von Social Engineering das Vertrauen der Benutzer in ihre Freunde ausnutzen. Auf Twitter sind Phishing-Angriffe weitaus effektiver als per E-Mail. Auf Facebook kann der Mausklick auf den vermeintlichen Beitrag eines Freundes den Nutzer in ein Angriffsziel desselben Virus‘ verwandeln, der das Nutzerkonto des Freundes infiziert hat. Fake-Posts, Fake-Tweets, Fake-News, Fake-Konten, realer Schaden – Sicherheit, Transparenz und Vertrauen sind in einer globalen Krise.

Die Lösung besteht nicht in einer strengen Regulierung, sondern in dem Bemühen, bestimmte Verhaltensweisen zu normalisieren und andere abzulehnen. Die Sicherheitsfachleute im Silicon Valley und anderswo können uns dabei helfen, indem sie Systeme entwickeln, die wünschenswerte Verhaltensweisen belohnen. Intelligentere Tools werden uns vor der Untergrabung von Vertrauen und Sicherheit schützen. Doch letzten Endes sind die Probleme der sozialen Netzwerke soziale Probleme und die Schaffung sozialer Praktiken braucht Zeit. Wir können den ersten Schritt tun, indem wir Verhalten, das sich außerhalb akzeptabler Grenzen bewegt, nicht tolerieren. Wenn wir im Internet auf unverfrorene Lügen stoßen, ist es unsere Pflicht als verantwortungsvolle Informationskonsumenten, den Autoren die Genugtuung unserer Aufmerksamkeit zu verweigern. Wir müssen alle seriösen Medien als Wahrheitsträger an die Einhaltung höchster Qualitätsstandards binden. Wenn wir den digitalen Raum zurückerobern wollen, müssen wir als Erstes der Wahrheitsverfälschung den Kampf ansagen. Zu viel steht auf dem Spiel, als dass wir den Lügnern bei der Gestaltung globaler Diskurse das Feld überlassen dürfen.

Bild: GoDaddy