Women in tech

Es ist nie zu spät für einen Neuanfang

Tami Reichold, 30 Oktober 2020

Der Wechsel von einer erfolgreichen Karriere in der Personalabteilung (HR) zum Software Engineering war kein Kinderspiel, aber hat sich gelohnt.

Im Februar dieses Jahres begann ich als Junior Software Engineer bei Avast im Secure Browser-Team - einem Team, das ich schon aus meiner Zeit in der Personalabteilung desselben Unternehmens kannte. Ja, Sie haben richtig gelesen: Ich habe von der Personalabteilung zur Programmierung gewechselt.

Im Alter von fast 30 Jahren beschloss ich, einen neuen Pfad einzuschlagen, all die Arbeit, die ich bisher in meiner Karriere geleistet hatte, hinter mir zu lassen und wieder komplett von vorne zu beginnen.

Die Entscheidung, die Veränderung wirklich durchzuziehen war nicht leicht. Wie viele 30-Jährige hatte ich in meinem Leben schon viele Veränderungen erlebt: Jobwechsel, Umzüge in andere Städte und sogar in ein anderes Land. Natürlich hatte ich Zweifel, ob ich mit einer solchen Neuorientierung nicht ein zu großes Risiko eingehen würde und ob es nicht besser wäre, vorerst keinen großen Wandel mehr anzugehen.

Ich fragte mich: Ist eine weitere Veränderung wirklich eine gute Idee? Außerdem hatte ich eine stabile und sichere Position mit einem Einkommen, das mir ein relativ angenehmes Leben in einer schönen Gegend außerhalb Londons ermöglichte.

Aber dann habe ich meine Wahrnehmung geändert und meinen Fokus mehr auf die Zukunft ausgerichtet. Ich würde immerhin noch fast 40 Jahre vor mir haben, die ich gerne in einem Beruf verbringen möchte, den ich (hoffentlich) liebe. Ich las viele ermutigende Geschichten von Menschen, die noch in viel höherem Alter und mit noch mehr Verantwortung im Leben (z.B. Kinder und Hausbau) erfolgreich eine berufliche Umorientierung gewagt haben. Und so beschloss ich, es anzugehen und begann zu recherchieren.

Zuerst versuchte ich es mit Online-Kursen. Es fiel mir jedoch schwer, diese mit einem Vollzeitjob und dem täglichen sehr zeitaufwändigen Pendeln zur Arbeit zu verbinden. Ich versuchte, zu verschiedenen Zeiten zu lernen - morgens, in der Mittagspause oder abends. Bis mir schließlich klar wurde, dass mein selbstgesetztes Ziel, innerhalb der nächsten 12 Monate den Job zu wechseln, unter den gegebenen Umständen möglicherweise nicht realistisch sein würde.

Bei meinen Recherchen stieß ich u.a. auf Programmier-Bootcamps, die in drei Monaten in Vollzeit durchgeführt werden können. Das war eine viel bessere Option für mich. Zwar sind solche Bootcamps nicht günstig, jedoch gibt es inzwischen Anbieter, bei denen man die Kursgebühr in monatlichen Raten im Nachhinein abbezahlen kann - nur mit dieser Option konnte ich den Weg einschlagen. Nachdem ich das Vorstellungsgespräch und den technischen Test bestanden hatte, begann ich im September 2019 mit dem Bootcamp und schloss es im Januar 2020 ab.

Es war eine tolle Erfahrung. Alle Teilnehmer hatten einen unterschiedlichen Hintergrund  und viele hatten vorher nichts mit Technik zu tun, so dass ich keine Sekunde das Gefühl hatte, nicht dorthin zu gehören. Ich kann Ihnen vergewissern, dass ich trotz meines akademischen Hintergrundes noch nie in meinem Leben so viel gelernt habe wie innerhalb dieser 12 Wochen.

Neben Motivation und Entschlossenheit ist einer der wichtigsten Faktoren die Gemeinschaft. Es ist wichtig, sich mit Menschen zu umgeben, die so eine Entscheidung verstehen oder zumindest akzeptieren und einen ermutigen. Mein Rat ist, mit möglichst vielen Menschen in Kontakt zu treten, Unterstützung einzuholen, wenn nötig, aber im Gegenzug auch anderen Hilfe anzubieten und andere zu unterstützen, die schon dort sind, wo Sie hinwollen oder auf dem gleichen Weg sind. Grob gesagt: Bauen Sie sich ein Netzwerk auf. Dies ist besonders für Frauen in technischen Jobs ungemein wichtig, denn wenn wir uns nicht gegenseitig unterstützen, wer dann?

Ein perfektes Beispiel für die richtige Unterstützung und Gemeinschaft sind meine ehemaligen Kolleginnen und Kollegen der Personalabteilung. Wir waren ein sehr gutes Team und vor allem dann hört man es bestimmt nicht so gerne, wenn jemand kündigen möchte, um andere Wege einzuschlagen. Doch statt verwunderten Worten, die mir am Ende bestimmt ein schlechtes Gewissen gemacht hätten, erhielt ich großen Zuspruch, viel Unterstützung und sogar Bewunderung für meine Pläne. Ich denke nicht, dass ich übertreibe, wenn ich sage, dass mein altes Team nach wie vor meine größte Fan-Gruppe ist. Nicht zuletzt die Tatsache, dass ich als Junior-Entwicklerin in ein anderes Team zurückkommen durfte und wieder mit offenen Armen empfangen wurde, zeigt, wie positiv mein Richtungswechsel aufgenommen wurde.

Als ich letztendlich im Februar zu Avast zurückkehrte, fühlte es sich anfangs sehr seltsam an, morgens an das andere Ende des Büros zu gehen und nicht mehr im beruflichen Kontakt mit meinem vorherigen HR-Team zu sein.  Aber ich bereue meine Entscheidung absolut nicht, sondern bin mit meiner neuen Rolle und den Karriereperspektiven absolut zufrieden und erfüllt. Für mich ist dies die Bestätigung, dass meine Entscheidung zu dieser “verrückten” 180-Grad-Wende richtig war.

Eine wichtige Einsicht war außerdem, dass bei einer beruflichen Neuorientierung die bisherigen Kenntnisse und Erfahrungen nicht „verfallen“. Man kann diese auch im neuen Job gewinnbringend einsetzen. Mir wird es beispielsweise immer helfen, sowohl die Mitarbeiter als auch Management-Prinzipien zu verstehen und mit Menschen in Kontakt zu treten.

Wenn Sie also darüber nachdenken, den großen Schritt einer beruflichen Umorientierung zu wagen, dann sage ich Ihnen: Tun Sie es! Sie werden erstaunt sein, wie glücklich es Sie am Ende machen könnte.

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